Mediation in Friedensprozessen
Neue Herausforderngen in der Mediation
Der Einsatz von Mediation im Rahmen von gewaltsam ausgetragenen Konflikten auf der Makroebene und in Friedensprozessen ist eine grosse Herausforderung. Die langwierigen Konflikte im Nahen Osten, im Sudan oder die Umsetzung des Friedensabkommens in Guatemala zeichnen sich alle durch eine grosse Anzahl von Akteuren mit unterschiedlichsten Interessen und durch zahlreiche Konfliktthemen aus. Viele Konfliktparteien ziehen direkten politischen oder wirtschaftlichen Gewinn aus der andauernden Gewaltsituation, während die Opfer der Gewalt oft unbeachtet bleiben. Eine schnelle und einfache Regelung solcher Konflikte durch eine unabhängige Drittpartei ist reines Wunschdenken. Um mit der Komplexität und dem Ausmass an Eskalation solcher Konflikte und den damit verbundenen Herausforderungen umgehen zu können, braucht Mediation einen umfassenden Ansatz.
In den heutigen Friedensprozessen finden wir drei wesentliche Mediationslücken (Lederach 1999). Bei der Interdependenz-Lücke bleiben die Konfliktakteure verschiedener Ebenen (Regierungsvertreter und „Mid-Range Leadership“ sowie Vertreter der Zivilgesellschaft) voneinander isoliert. Weiter ist bei Mediationsprozessen vielfach die Prozess-Struktur-Lücke vorzufinden, bei der sich Mediatoren vornehmlich auf Mediationsprozesse konzentrieren, ohne den notwendigen gesellschaftlichen Strukturen (z.B. staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen) genügend Beachtung zu schenken. Drittens ist die Themen-Lücke anzuführen, bei der den konfliktrelevanten Themen zu wenig Beachtung geschenkt wird. Die Komplexität bewaffneter Konflikte und die dargestellten Mediationslücken können nur mit einer breit angelegten, mehrdimensionalen Mediation bewältigt werden, die mehrere Akteure, mehrere Phasen und mehrere Themen umfasst und diese miteinander verbindet.
Inhaltsverzeichnis
Multiakteur-Ansatz
Ein Multiakteur-Ansatz bedeutet sowohl ein “Multitrack“-Vorgehen, als auch einen “Multimediator“-Ansatz.
Das Multitrack-Vorgehen: Tracks sind die Ebenen, auf denen verschiedene Akteure interagieren. Track 1 bezieht sich auf Prozesse, bei denen die obersten Führungskräfte der höchsten Komplexitätsebene miteinander verhandeln. Bei Track 1,5-Prozessen ist entweder nur die Führung einer Konfliktpartei am Friedensprozess beteiligt oder beide Führungen, jedoch informell. Bei Track 2-Aktivitäten sind einflussreiche Eliten und Entscheidungsträger der Zivilgesellschaft beteiligt. An Multi-Track-Aktivitäten sind mehrere Akteure aus mindestens zwei Tracks beteiligt.
Der Multimediator-Ansatz: Als Mediatoren treten Drittparteien auf, z.B. internationale und regionale Organisationen, Staaten, nationale und internationale NGOs und anerkannte Persönlichkeiten. Im Multimediator-Ansatz treten die Drittparteien idealerweise koordiniert auf.
Der Wettbewerb und die Konkurrenz unter den verschiedenen Mediatoren und Mediatorinnen wachsen, da sich immer mehr Drittparteien in Friedensprozessen engagieren wollen. Informationsaustausch, Koordination und Kooperation zwischen den Drittparteien sind daher entscheidend, wenn diese von den Konfliktparteien nicht manipuliert werden wollen. Grundsätzlich gilt, dass keine Drittpartei einen neuen Prozess in die Wege leitet, wenn ein Prozess einmal begonnen hat und Fortschritte erzielt wurden. Für die Koordination der Drittparteien ist eine sorgfältige Beurteilung der komparativen Vorteile der verschiedenen Drittparteien notwendig. NGOs sind flexibler und weniger an internationale Normen gebunden und finden daher vielleicht eher Zugang zu bewaffneten nichtstaatlichen Akteuren. Hingegen verfügen sie oft über weniger Legitimität und Ressourcen. Die UNO besitzt die für die Umsetzung eines Friedensabkommens erforderlichen Ressourcen, die keine andere Organisation aufbringen kann. Aber die UNO kann in gewissen Konflikten als Mediator während der Verhandlungsphase unerwünscht sein – wie etwa in Nepal oder Sri Lanka –, weil die Regierungen die internationale Aufmerksamkeit scheuen und den Konflikt als eine „interne Angelegenheit“ betrachten. Eine Möglichkeit, Drittparteien optimal zu informieren und verschiedene Initiativen zu koordinieren, sind die sogenannten “Group of Friends“, in denen verschiedene Länder bei einem Friedensprozess zusammenarbeiten, um eine gemeinsame Politik umzusetzen (z.B. die Schweiz, Spanien, Frankreich und Norwegen im kolumbianischen Friedensprozess).
Multiphasen-Ansatz
Ein Friedensprozess kann in drei verschiedene Phasen unterteilt werden: die Vorverhandlungs-, die Verhandlungs- und die Umsetzungsphase. In der Vorverhandlungsphase kann ein Mediator über Jahre oder sogar Jahrzehnte hinweg mit den Konfliktparteien in Verbindung stehen, um Vertrauen aufzubauen und herauszufinden, unter welchen Bedingungen Friedensgespräche oder sogenannte “Talks about Talks“ möglich sind. In der Verhandlungsphase sitzt der Mediator in der Regel im selben Raum wie die Konfliktparteien, strukturiert und fördert den Prozess, zum Beispiel indem er Probleme auflistet, die Tagesordnung festlegt, die Probleme durchgeht und für beide Seiten akzeptable Vorschläge macht. Dabei muss er darauf achten, dass alle relevanten Themen behandelt werden. Auch in der Umsetzungsphase besteht oft ein Bedarf an Mediatoren, da Probleme auftauchen können, die im Friedensabkommen ungenügend geklärt worden sind (siehe das Beispiel Guatemala).
Multithemen-Ansatz
Die Verzahnung aller für einen funktionierenden Friedensprozess relevanten Themen erhöht die Erfolgschancen eines Friedensprozesses
Beim Multithemen-Ansatz geht es darum, dass bewusst alle Themen des Konfliktes aufgenommen, im Friedensprozess behandelt, koordiniert und wenn möglich miteinander verzahnt werden. Viele konfliktrelevante Themenfelder finden oft keine oder nur beschränkte Beachtung in formellen Friedensverhandlungen. Daraus entstehen so genannte „Themenlücken“ (siehe Diagramm), welche die Wirksamkeit von Mediationsprozessen beeinträchtigen können. Eine der wichtigsten Herausforderungen eines Mediators besteht darin sicherzustellen, dass es keine „Themen-Lücken“ gibt, d.h. dass die „Räder“ miteinander verzahnt sind.
Zu den Themen, die in jedem Friedensprozess eine Rolle spielen, gehören: 1) Sicherheit, 2) Justiz und Menschenrechte, 3) Der Wiederaufbau des Staates und der Institutionen, 4) Wirtschaft und Umwelt, 5) Zivilgesellschaft.
Die Vielfalt und Komplexität der Themen erfordern den Einsatz eines Teams von Experten und Spezialistinnen, die von einer erfahrenen Mediatorin oder einem erfahrenen Mediator geleitet werden. Beim Umgang mit ehemaligen Kämpfern ist es bspw. entscheidend, dass diese entwaffnet und in die Armee oder in die Gesellschaft reintegriert werden. Bei der Vergangenheitsarbeit ist entscheidend, dass die „Opfer“ des Konflikts in der Gesellschaft rehabilitiert werden. Nach dem sog. Joinet-Grundsatzkatalog beinhaltet dies folgende Massnahmen: Die Opfer haben das Recht zu wissen, wer während des Konflikts was getan hat. Sie haben einen Anspruch auf Gerechtigkeit, auf Entschädigung und auf die Garantie, dass sich der Konflikt nicht wiederholt. Beide Seiten, sowohl die „Kämpfer“ als auch die „Opfer“, müssen in dieselbe Gesellschaft integriert werden, und der Staat sollte den wirtschaftlichen, politischen und sozialen Rahmen für diese Prozesse zur Verfügung stellen.
Erfahrungen der Schweiz
Die Schweiz hat sich im Bereich der Mediation in den letzten acht Jahren an rund 20 Friedensprozessen in 15 Ländern beteiligt. Die Mediationsaktivitäten der Schweiz konzentrierten sich dabei auf die Unterstützung von Friedensverhandlungen auf der Track 1-Ebene, zum Beispiel in Aceh/Indonesien, Kolumbien, Zypern, Georgien, Mazedonien, Nepal, Norduganda, und Sudan. Der Track 1-Fokus erklärt sich aus dem Auftrag des EDA. Allerdings gab es auch ein paar Track 1.5-Aktivitäten, zum Beispiel in Georgien, Israel/Palästina, Israel/Syrien und ein paar Multitrack-Interventionen (z.B. Guatemala, Naher Osten, Sri Lanka, Sudan und Tadschikistan). Die meisten Mediationsaktivitäten dauerten über mehrere Jahre hinweg, und oft war mehr als ein Mediator oder eine Expertin im Einsatz. Im Allgemeinen ist das EDA direkt mit seinen eigenen Botschaftern, Diplomaten, Mediatoren und Experten beteiligt, doch in einigen Fällen unterstützte es Drittparteien mit Geldmitteln. Zusätzlich zum direkten Mediationsengagement unterstützt die Schweiz wichtige andere Akteure, wie etwa die UNO, in finanzieller und fachlicher Hinsicht. In den meisten Konfliktregionen (Kolumbien, Region der Grossen Seen in Afrika, Naher Osten, Nepal, Südosteuropa, Sri Lanka und Sudan) ist die Schweiz zudem mit einem breit angelegten Konflikttransformationsprogramm beteiligt, das von Friedensberatern vor Ort oder von Bern aus koordiniert wird.
Beispiel Sudan
Der von 1983 bis 2005 dauernde zweite Bürgerkrieg zwischen dem Nord- und Südsudan führte zur Vertreibung von 4 Millionen Menschen und zum Tod von rund 2 Millionen Menschen. Die Schweiz wurde zugezogen, weil Josef Bucher, Botschafter der Schweiz in Libyen, engen Kontakt zum sudanesischen Botschafter hatte. Dieser gelangte an ihn mit der Bitte um Unterstützung durch die Schweiz, um die Gespräche zwischen der SPLA/M (Sudanese People’s Liberation Army / Movement) im Südsudan und der sudanesischen Regierung zu erleichtern. Dies führte zwischen 1994 und 2002 zu intensiven Kontakten mit beiden Seiten des Konflikts. Unter dem Druck der USA handelten die SPLA/M und die sudanesische Regierung im Januar 2002 ein Waffenstillstandsabkommen für die Nuba-Berge aus. Die Verhandlungen fanden in der Schweiz statt. Ein amerikanisch-schweizerisches Team übernahm die Mediation.
Nach dem Waffenstillstandsabkommen für die Nuba-Berge erwachte auch der Friedensprozess der Intergovernmental Authority on Development (IGAD) zu neuem Leben, der zum Ziel hatte, ein „Comprehensive Peace Agreement“ (CPA) zu erreichen. Zu den Themen, die in dem 260 Seiten umfassenden und im Januar 2005 unterzeichneten CPA u.a. behandelt wurden, gehören die Sicherheit, territoriale Dispute, die Machtteilung, Teilung der Ressourcen und Menschenrechte. Doch der Sudan ist heute noch weit von einem Frieden entfernt, da die Umsetzung des Abkommens grosse Anstrengungen erfordert, und weitere Konflikte im Land (z.B. in Darfur) im CPA nicht angesprochen wurden. Beim Mediationsengagement im Sudan hat die Schweiz über 13 Jahren hinweg den Multitrack-, Multiphasen- und Multithemen-Ansatz kombiniert.
Beispiel Guatemala
1996 unterzeichneten die guatemaltekische Regierung und die Revolutionäre Nationale Einheit Guatemalas einen Friedensvertrag, der einem 36 Jahre dauernden Krieg ein Ende setzte. Einige der Konfliktursachen waren die Landverteilung, die Marginalisierung der indigenen Bevölkerung sowie eine inakzeptable Gewaltanwendung durch den Staat. Das Friedensabkommen von 1996 hat in mancherlei Hinsicht Modellcharakter, so war etwa die Zivilgesellschaft bei der Ausarbeitung stark eingebunden. Allerdings fehlte der Regierung der politische Wille, den Vertrag umzusetzen. Ein Referendum über die Aufnahme verschiedener Aspekte des Friedensvertrags von 1996 in die Verfassung, wurde von 78% der Wähler abgelehnt. Wegen des fehlenden politischen Willens übernahm die internationale Gemeinschaft de facto die Verantwortung für die Umsetzung des Abkommens, doch stagnierte der Prozess weiterhin.
2003 wurde das EDA einbezogen und dessen Beraterin (Peace Building Adviser (PBA), Mô Bleeker) erhielt den Auftrag, die Gespräche und den Dialog zwischen den lokalen Akteuren zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt stand die Entschädigung der Opfer im Zentrum der Debatte. Die PBA traf sich mit zahlreichen Vertretern der Regierung und der Organisationen der Zivilgesellschaft und unterstützte den Konflikttransformationsprozess. Auf ihr Anraten wurde eine „Unterstützungsgruppe“ („Gadres“) gebildet, bestehend aus internationalen Organisationen (UNDP, GTZ, usw.) sowie lokalen, als unparteiisch angesehen NGOs.
Die „Gadres“ arbeitete zunächst mit der Regierung und der Zivilgesellschaft in eigenen Prozessen, bevor sie die beiden Konfliktparteien zusammenbrachte. Das Ergebnis war eine klare Auflistung der wichtigsten Probleme, Möglichkeiten und vorgeschlagenen Lösungen, die als Grundlage für eine Zusammenarbeit zwischen der Zivilgesellschaft und der Regierung diente.
„Gadres“ organisierte anschliessend verschiedene Workshops mit Experten für Entschädigungsprogramme und Versöhnungsstrategien. Diese Veranstaltungen fanden für die Regierung und die Organisationen der Zivilgesellschaft getrennt statt. „Gadres“ vermittelte zudem regelmässig bei spezifischen Themen zwischen der Regierung und der Zivilgesellschaft . Sie gewährte beiden Parteien technische Unterstützung, damit sich diese besser auf die Verhandlungen zur Bildung der Entschädigungskommission und zum Aufbau des Entschädigungsprogramms vorbereiten konnten.
weitere Informationen
Literatur
- Sumbeiywo, Lazaro: To be A Negotiator: Strategies and Tactics. Report published by swisspeace (MSP) and ETH, 2009. Download.
- Mason, Simon J A : Insider Mediators. Exploring Their Key Role in Informal Peace Processes. Report by swisspeace (MSP), ETH Zürich and Berghof, 2009. Download.
- Mason, S. , M. Bleeker, M. Michael & M. Siegfried. Mediation in Friedensprozessen. Erfahrungen der Schweiz mit einem umfassenden Ansatz. In: "perspektive mediation", 2007 / 4. (Download)
- Mason, Simon A. & Ryan Cross. Mediation and Facilitation in Peace Processes. International Relations and Security Network (ISN), Zurich, Switzerland. 2007. (Download)
Zeitschriften
- perspektive mediation - Beiträge zur KonfliktKultur. Verlag Österreich , Wien erscheint vierteljährlich.
Internet
- Dossier Mediation and Facilitation in Peace Processes beim ISN (ETH Zürich).
- Mediation Support bei Swisspeace.
Training
- Peace Mediation Course, ein Angebot des EDA, CSS und Swisspeace.
- Datenbank mit Anbieter von Weiterbildungen und Ausbildungen zur Mediation.
Akteure
- Datenbank mit Organisationen, die in der Mediation tätig sind.
swisspeace-Pilotprojekt: Mediation und Fazilitation in Friedensprozessen
Die Schweiz ist zunehmend in die Mediation und Fazilitation in verschiedenen Friedensprozessen involviert. Hauptsächlich beteiligt ist dabei die Politische Abteilung IV des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten. Vor einem Jahr hat die PA IV dem „Mediation Support Project“ (MSP) ein Mandat erteilt, das Departement in seiner Mediationsarbeit zu unterstützen. Das MSP ist ein Gemeinschaftsprojekt von swisspeace und dem „Center for Security Studies“. Das MSP ist seither auf drei Gebieten aktiv geworden: Erstens hat es angewandte Forschung betrieben und verschiedene Schweizer Mediationsprozesse untersucht, beispielsweise jenen im Sudan. Zweitens wurde das Thema Weiterbildung bearbeitet. Das MSP hat zusammen mit Partnern eine Retraite von Schweizer Botschafterinnen und Botschaftern zu Mediation organisiert und eine Übersicht über internationale Trainingsmöglichkeiten erarbeitet. Drittens wurden Netzwerk-Veranstaltungen abgehalten, wie etwa ein Rundtisch zur Frage, wie Nichtregierungsorganisationen in gewaltsamen Konflikten mediieren können, oder einer zur Rolle von Mediation in der Konflikttransformation in Mexiko. In Zukunft will sich das MSP auf verschiedene vielversprechende Nischen konzentrieren: Einerseits soll spezifisches Wissen vertieft werden, beispielsweise zu den Themen Gender, Religion und Wirtschaft im Zusammenhang mit Mediationsprozessen. Anderseits werden die massgeschneiderten Trainingsangebote ausgedehnt, geplant sind beispielsweise Weiterbildungen für Diplomaten und Angehörige des Schweizerischen Expertenpools für zivile Friedensförderung. Im Weiteren will das MSP den Austausch von Kenntnissen und Erfahrungen von Praktikerinnen und Praktikern vorantreiben. Schliesslich sollen Mediationsprozess
direkt unterstützt werden, etwa durch das Angebot einer „Mediator’s Toolbox“ oder eines „Prozessdesigns".

