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Dossier
31.05.2011
Swisspeace

Business & Peace: Grosskonzerne als Friedensstifter?

Ziel der zivilen Friedensförderung ist es, den Ausbruch von Gewaltkonflikten in Spannungsgebieten zu verhindern, bestehende Gewaltkonflikte einzudämmen oder zu beenden, dem Wiederaufflammen der Kämpfe entgegenzuwirken und den Wiederaufbau demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen nach einem gewaltsamen Konflikt zu fördern. Die Hauptakteure der zivilen Friedensförderung waren und sind staatliche Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen. Was hat also die Wirtschaft in der zivilen Friedensförderung verloren?

Verändertes Konfliktgeschehen

Im Rahmen der Globalisierung hat der Privatsektor als internationaler Akteur gewaltig an Einfluss gewonnen. Die Privatisierung von staatlichen Unternehmen und die Liberalisierung des Marktes hat eine Machtverlagerung vom öffentlichen zum privaten Sektor nach sich gezogen und den geographischen Wirkungskreis international tätiger Unternehmen stark ausgeweitet. So sind heute die Märkte und Ökonomien der Entwicklungsländer eng mit denen der reichen Länder verknüpft.

Nicht nur die Wirtschaft sondern auch das internationale Konfliktgeschehen hat sich seit Ende des Kalten Krieges grundlegend verändert. Über 90% der Gewaltkonflikte finden heute nicht mehr zwischen Nationalstaaten, sondern innerhalb von Staaten statt. Die meisten Kriegsherde befinden sich in Entwicklungs- oder Transitionsländern. Dabei verlaufen die Konflikte oft nicht linear sondern zyklisch. Auch wenn ein Land vorübergehend friedlich scheint, können tieferliegende Konfliktstrukturen Spannungen lange Zeit am Leben halten und bestimmte Auslöser Konflikte neu entfachen. Zudem ist in krisengeschüttelten Ländern der Staat oft nicht oder nur begrenzt im Stande, die grundsätzlichen Aufgaben der Staatsführung, wie die Förderung rechtsstaatlicher Strukturen, Korruptionsbekämpfung und die effiziente Verwendung öffentlicher Gelder wahrzunehmen.

Verantwortung wirtschaftlicher Tätigkeit

Immer mehr in Industrienationen beheimatete international tätige Unternehmen, sogenannte Transnationale Konzerne (TNK), sind wirtschaftlich in Entwicklungs- und Transitionsländern involviert. Ob sie nun Projekte in einem Entwicklungsland finanzieren, dort einen eigenen Firmensitz errichten, Waren exportieren oder Rohstoffe fördern, sie üben durch ihre Aktivitäten einen Einfluss auf die politische, soziale, ökologische und wirtschaftliche Situation eines Landes aus.
In liberalen Wirtschaftskreisen war lange Zeit die Annahme verbreitet, dass Investitionen in Entwicklungsländern generell etwas Positives seien, da sie die Wirtschaft ankurbeln und damit die soziale Situation der Bevölkerung verbessern würden. Unterdessen wird die Situation differenzierter betrachtet und den (potentiell) negativen Auswirkungen mehr Beachtung geschenkt. Nachfolgende Beispiele zeigen die Komplexität der Frage nach der Verantwortung wirtschaftlicher Tätigkeit:

- Ein TNK errichtet in einem Land mit politisch angespannter Lage zwecks Warentransport eine Strasse. Diese wird von einer Rebellen-Gruppe zum Transport von Waffen benutzt, welche gegen eine andere Bevölkerungsgruppe eingesetzt werden.
- Gewaltige Erlöse aus der von einem TNK getätigten Erdölförderung fliessen in die Taschen eines korrupten Regimes. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, während die Reichen und Mächtigen immer reicher werden und ihre Macht sichern können.

Darf also ein TNK mit einer Regierung einen Vertrag zur Förderung von Erdöl abschliessen, wenn die Gewinne ausschliesslich einer privilegierten Bevölkerungsschicht zu Gute kommen, während der Grossteil der Bevölkerung in äusserster Armut und unter menschenverachtenden Bedingungen lebt? Dürfen staatliche Akteure durch von ihnen gewährte Exportrisikogarantien ein Staudammprojekt unterstützen, das die Umsiedlung von Tausenden bedeutet? Darf eine Bank ein Projekt finanzieren, dessen Umweltauswirkungen die Lebensgrundlage hunderter Familien bedrohen könnte?

Die zentrale Frage ist, unter welchen Bedingungen ein TNK aktiv sein soll und darf, und wer die Verantwortung für menschenrechtliche, ökologische und soziale Auswirkungen wirtschaftlicher Tätigkeiten trägt. Obwohl es nicht die Aufgabe der Wirtschaft ist, den Staat zu ersetzen, bringt der zunehmende Einfluss der TNK’s auch eine grössere gesellschaftliche Verantwortung mit sich.

Die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftstätigkeit und Gewaltkonflikten sind enorm komplex. Klar ist aber, dass es im Rahmen der Bestrebungen einer nachhaltigen Friedensförderung von zentraler Bedeutung ist, die Rolle der Wirtschaft genauer zu erforschen.
Das Forschungsprojekt „Business and Peace“ von swisspeace untersucht die Rolle und Verantwortung der Wirtschaft in der globalisierten Welt. Ziel ist es, im Dialog mit der Wirtschaft Strategien zu erarbeiten, die zum nachhaltigen Abbau von konfliktverursachenden oder -fördernden Wirtschaftstätigkeiten beitragen. Ausserdem sollen die Möglichkeiten und Grenzen positiver Einflüsse von Wirtschaftstätigkeiten erforscht werden, um sie als Mittel in der zivilen Friedensförderung besser zu nutzen.

*Dieser Text von Danielle Lalive ist in der "friZ" 2/04 erschienen. Die Autorin war Leiterin des Programms "Business and Peace" bei swisspeace. Aktuelle Leiterin des Programms bei swisspeace ist Ulrike Joras.

 

Links

Fair trade fights poverty and contributes to peace - Fair Trade leistet einen Beitrag zur Konfliktprävention und verbessert das Einkommen auch jener Produzenten, die nicht direkt in den fairen Handel eingebunden sind. Dies zeigt eine vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) in Auftrag gegebene Studie über fairen Handel in Boliviens Kaffeesektor, die von der Schweizerischen Friedensstiftung (swisspeace) zusammen mit Ökonomen der Universität Basel erstellt wurde. Durch die Konkurrenz zwischen Fair Trade-Einkäufern und konventionellen Einkäufern können auch Produzenten, die sich nicht nach Fair Trade-Kriterien richten, von höheren Preisen auf dem lokalen Markt profitieren. „Damit kann Fair Trade auch das Einkommen derjenigen Produzenten verbessern, die nicht direkt am fairen Handel beteiligt sind“, sagte Andrew Lee, Co-Autor der Studie und Ökonom an der Universität Basel.

ETH Zürich - Möckli, Daniel / Wenger, Andreas (2002): Conflict Prevention. The Untapped Potential of the Private Sector. Boulder, USA: Lynne Ryner.
Die Autoren untersuchen die Möglichkeiten des Privatsektors für einen Beitrag zur Konfliktprävention. Sie zeigen konkrete Beispiele auf und legen dar, wieso diese Bestrebungen im Eigeninteresse der Wirtschaft liegen.

International Alert - Nelson, Jane (2000): The Business of Peace: The Private Sector as a Partner in Conflict Prevention and Resolution. London, UK: International Alert. Council on Economic Priorities. The Prince of Wales Business Leaders Forum.
Das Buch von Jane Nelson untersucht als eine der ersten umfassenden Studien die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftstätigkeit und Gewaltkonflikten und liefert überzeugende Argumente für ein aktiveres Engagement des Privatsektors in Konflikttransformation.

swisspeace - b&p - Wirtschaftliche Aktivitäten, seien es legale oder illegale, sind ein zentraler Faktor für den Verlauf und die Intensität von Gewaltkonflikten. Der Privatsektor ist deshalb auch ein zentraler Akteur in der zivilen Friedensförderung. „Business & Peace“ beschäftigt sich in erster Linie mit dem Einfluss transnationaler Unternehmen, die in Krisenregionen tätig sind und setzt dabei folgende Schwerpunkte:

· Erforschung und Entwicklung von praxisorientierten Instrumenten zur Analyse der komplexen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Konflikt
· Dialog und konstruktive Zusammenarbeit mit wirtschaftlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren
· Entwicklung von Strategien für einen proaktiven Beitrag des Privatsektors zur zivilen Friedenförderung und Konflikttransformation

Die Rolle der verschiedenen Wirtschaftssektoren in Bereichen wie Infrastruktur, Landwirtschaft oder Finanzen in Bezug auf gewaltsame Konflikte ist noch weitgehend ungeklärt. Studien zu den sektorspezifischen Möglichkeiten und Risiken sollen diese Forschungslücke schliessen helfen.

Die wissenschaftlichen Tätigkeiten von „Business & Peace“ umfassen zur Zeit folgende Schwerpunkte:

· Erforschung der Massnahmen zur Förderung von Unternehmensverantwortung im Rahmen einer Neuen Schweizer Aussenpolitik
· Untersuchung von potentiellen – positiven und negativen – Einflüssen wirtschaftlicher Tätigkeiten auf Gewaltkonflikte und Erarbeitung von Strategien für ein konfliktsensitives Unternehmensverhalten
· Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Fair Trade und Konflikten und Evaluation des möglichen Beitrages von Fair Trade Modellen zur Friedensförderung
· Integration des Konfliktaspektes in die Risikoanalyse-Prozesse von Internationalen Unternehmungen mit dem Schwerpunkt internationaler Finanzsektor

swisspeace - swisspeace ist ein praxisorientiertes Friedensforschungsinstitut mit Sitz in Bern/Schweiz. Zu den Forschungs- und Programmschwerpunkten gehören die Früherkennung von Gewaltkonflikten, die zivile Friedensförderung durch staatliche und nichtstaatliche Organisationen, Umwelt- und Ressourcenkonflikte sowie Menschliche Sicherheit.

Mit Berichten, Analysen und Konferenzen leistet swisspeace einen wichtigen Beitrag zur politischen Meinungsbildung in aktuellen Fragen der schweizerischen und internationalen Friedens- und Sicherheitspolitik.

swisspeace wurde 1988 als "Schweizerische Friedensstiftung" gegründet mit dem Ziel, die unabhängige Friedensforschung in der Schweiz zu fördern. swisspeace ist eine national anerkannte und international renommierte Institution in der Friedens- und Konfliktforschung. Zu den wichtigsten Auftraggebern gehören deas Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), der Schweizerische Nationalfonds sowie internationale Organisationen und Stiftungen.