Business & Peace: Grosskonzerne als Friedensstifter?
Verändertes Konfliktgeschehen
Im Rahmen der Globalisierung hat der Privatsektor als internationaler
Akteur gewaltig an Einfluss gewonnen. Die Privatisierung von
staatlichen Unternehmen und die Liberalisierung des Marktes hat eine
Machtverlagerung vom öffentlichen zum privaten Sektor nach sich gezogen
und den geographischen Wirkungskreis international tätiger Unternehmen
stark ausgeweitet. So sind heute die Märkte und Ökonomien der
Entwicklungsländer eng mit denen der reichen Länder verknüpft.
Nicht nur die Wirtschaft sondern auch das internationale
Konfliktgeschehen hat sich seit Ende des Kalten Krieges grundlegend
verändert. Über 90% der Gewaltkonflikte finden heute nicht mehr
zwischen Nationalstaaten, sondern innerhalb von Staaten statt. Die
meisten Kriegsherde befinden sich in Entwicklungs- oder
Transitionsländern. Dabei verlaufen die Konflikte oft nicht linear
sondern zyklisch. Auch wenn ein Land vorübergehend friedlich scheint,
können tieferliegende Konfliktstrukturen Spannungen lange Zeit am Leben
halten und bestimmte Auslöser Konflikte neu entfachen. Zudem ist in
krisengeschüttelten Ländern der Staat oft nicht oder nur begrenzt im
Stande, die grundsätzlichen Aufgaben der Staatsführung, wie die
Förderung rechtsstaatlicher Strukturen, Korruptionsbekämpfung und die
effiziente Verwendung öffentlicher Gelder wahrzunehmen.
Verantwortung wirtschaftlicher Tätigkeit
Immer mehr in Industrienationen beheimatete international tätige
Unternehmen, sogenannte Transnationale Konzerne (TNK), sind
wirtschaftlich in Entwicklungs- und Transitionsländern involviert. Ob
sie nun Projekte in einem Entwicklungsland finanzieren, dort einen
eigenen Firmensitz errichten, Waren exportieren oder Rohstoffe fördern,
sie üben durch ihre Aktivitäten einen Einfluss auf die politische,
soziale, ökologische und wirtschaftliche Situation eines Landes aus.
In liberalen Wirtschaftskreisen war lange Zeit die Annahme verbreitet,
dass Investitionen in Entwicklungsländern generell etwas Positives
seien, da sie die Wirtschaft ankurbeln und damit die soziale Situation
der Bevölkerung verbessern würden. Unterdessen wird die Situation
differenzierter betrachtet und den (potentiell) negativen Auswirkungen
mehr Beachtung geschenkt. Nachfolgende Beispiele zeigen die Komplexität
der Frage nach der Verantwortung wirtschaftlicher Tätigkeit:
- Ein TNK errichtet in einem Land mit politisch angespannter Lage
zwecks Warentransport eine Strasse. Diese wird von einer
Rebellen-Gruppe zum Transport von Waffen benutzt, welche gegen eine
andere Bevölkerungsgruppe eingesetzt werden.
- Gewaltige Erlöse aus der von einem TNK getätigten Erdölförderung
fliessen in die Taschen eines korrupten Regimes. Die grosse Mehrheit
der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze, während die Reichen und
Mächtigen immer reicher werden und ihre Macht sichern können.
Darf also ein TNK mit einer Regierung einen Vertrag zur Förderung von
Erdöl abschliessen, wenn die Gewinne ausschliesslich einer
privilegierten Bevölkerungsschicht zu Gute kommen, während der
Grossteil der Bevölkerung in äusserster Armut und unter
menschenverachtenden Bedingungen lebt? Dürfen staatliche Akteure durch
von ihnen gewährte Exportrisikogarantien ein Staudammprojekt
unterstützen, das die Umsiedlung von Tausenden bedeutet? Darf eine Bank
ein Projekt finanzieren, dessen Umweltauswirkungen die Lebensgrundlage
hunderter Familien bedrohen könnte?
Die zentrale Frage ist, unter welchen Bedingungen ein TNK aktiv sein
soll und darf, und wer die Verantwortung für menschenrechtliche,
ökologische und soziale Auswirkungen wirtschaftlicher Tätigkeiten
trägt. Obwohl es nicht die Aufgabe der Wirtschaft ist, den Staat zu
ersetzen, bringt der zunehmende Einfluss der TNK’s auch eine grössere
gesellschaftliche Verantwortung mit sich.
Die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftstätigkeit und Gewaltkonflikten
sind enorm komplex. Klar ist aber, dass es im Rahmen der Bestrebungen
einer nachhaltigen Friedensförderung von zentraler Bedeutung ist, die
Rolle der Wirtschaft genauer zu erforschen.
Das Forschungsprojekt „Business and Peace“ von swisspeace untersucht
die Rolle und Verantwortung der Wirtschaft in der globalisierten Welt.
Ziel ist es, im Dialog mit der Wirtschaft Strategien zu erarbeiten, die
zum nachhaltigen Abbau von konfliktverursachenden oder -fördernden
Wirtschaftstätigkeiten beitragen. Ausserdem sollen die Möglichkeiten
und Grenzen positiver Einflüsse von Wirtschaftstätigkeiten erforscht
werden, um sie als Mittel in der zivilen Friedensförderung besser zu
nutzen.
*Dieser Text von Danielle Lalive ist in der "friZ" 2/04 erschienen. Die
Autorin war Leiterin des Programms "Business and Peace" bei swisspeace.
Aktuelle Leiterin des Programms bei swisspeace ist Ulrike Joras.
Links
Fair trade fights poverty and contributes to peace - Fair Trade leistet einen Beitrag zur Konfliktprävention und verbessert das Einkommen auch jener Produzenten, die nicht direkt in den fairen Handel eingebunden sind. Dies zeigt eine vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) in Auftrag gegebene Studie über fairen Handel in Boliviens Kaffeesektor, die von der Schweizerischen Friedensstiftung (swisspeace) zusammen mit Ökonomen der Universität Basel erstellt wurde. Durch die Konkurrenz zwischen Fair Trade-Einkäufern und konventionellen Einkäufern können auch Produzenten, die sich nicht nach Fair Trade-Kriterien richten, von höheren Preisen auf dem lokalen Markt profitieren. „Damit kann Fair Trade auch das Einkommen derjenigen Produzenten verbessern, die nicht direkt am fairen Handel beteiligt sind“, sagte Andrew Lee, Co-Autor der Studie und Ökonom an der Universität Basel.
ETH Zürich -
Möckli,
Daniel / Wenger, Andreas (2002): Conflict Prevention. The Untapped
Potential of the Private Sector. Boulder, USA: Lynne Ryner.
Die Autoren untersuchen die Möglichkeiten des Privatsektors für einen
Beitrag zur Konfliktprävention. Sie zeigen konkrete Beispiele auf und
legen dar, wieso diese Bestrebungen im Eigeninteresse der Wirtschaft
liegen.
International Alert -
Nelson,
Jane (2000): The Business of Peace: The Private Sector as a Partner in
Conflict Prevention and Resolution. London, UK: International Alert.
Council on Economic Priorities. The Prince of Wales Business Leaders
Forum.
Das Buch von Jane Nelson untersucht als eine der ersten
umfassenden Studien die Zusammenhänge zwischen Wirtschaftstätigkeit und
Gewaltkonflikten und liefert überzeugende Argumente für ein aktiveres
Engagement des Privatsektors in Konflikttransformation.
swisspeace - b&p -
Wirtschaftliche
Aktivitäten, seien es legale oder illegale, sind ein zentraler Faktor
für den Verlauf und die Intensität von Gewaltkonflikten. Der
Privatsektor ist deshalb auch ein zentraler Akteur in der zivilen
Friedensförderung. „Business & Peace“ beschäftigt sich in erster
Linie mit dem Einfluss transnationaler Unternehmen, die in
Krisenregionen tätig sind und setzt dabei folgende Schwerpunkte:
· Erforschung und Entwicklung von praxisorientierten Instrumenten zur
Analyse der komplexen Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Konflikt
· Dialog und konstruktive Zusammenarbeit mit wirtschaftlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren
· Entwicklung von Strategien für einen proaktiven Beitrag des
Privatsektors zur zivilen Friedenförderung und Konflikttransformation
Die Rolle der verschiedenen Wirtschaftssektoren in Bereichen wie
Infrastruktur, Landwirtschaft oder Finanzen in Bezug auf gewaltsame
Konflikte ist noch weitgehend ungeklärt. Studien zu den
sektorspezifischen Möglichkeiten und Risiken sollen diese
Forschungslücke schliessen helfen.
Die wissenschaftlichen Tätigkeiten von „Business & Peace“ umfassen zur Zeit folgende Schwerpunkte:
· Erforschung der Massnahmen zur Förderung von Unternehmensverantwortung im Rahmen einer Neuen Schweizer Aussenpolitik
· Untersuchung von potentiellen – positiven und negativen – Einflüssen
wirtschaftlicher Tätigkeiten auf Gewaltkonflikte und Erarbeitung von
Strategien für ein konfliktsensitives Unternehmensverhalten
· Untersuchung der Zusammenhänge zwischen Fair Trade und Konflikten und
Evaluation des möglichen Beitrages von Fair Trade Modellen zur
Friedensförderung
· Integration des Konfliktaspektes in die Risikoanalyse-Prozesse von
Internationalen Unternehmungen mit dem Schwerpunkt internationaler
Finanzsektor
swisspeace -
swisspeace
ist ein praxisorientiertes Friedensforschungsinstitut mit Sitz in
Bern/Schweiz. Zu den Forschungs- und Programmschwerpunkten gehören die
Früherkennung von Gewaltkonflikten, die zivile Friedensförderung durch
staatliche und nichtstaatliche Organisationen, Umwelt- und
Ressourcenkonflikte sowie Menschliche Sicherheit.
Mit Berichten, Analysen und Konferenzen leistet swisspeace einen
wichtigen Beitrag zur politischen Meinungsbildung in aktuellen Fragen
der schweizerischen und internationalen Friedens- und
Sicherheitspolitik.
swisspeace wurde 1988 als "Schweizerische Friedensstiftung" gegründet
mit dem Ziel, die unabhängige Friedensforschung in der Schweiz zu
fördern. swisspeace ist eine national anerkannte und international
renommierte Institution in der Friedens- und Konfliktforschung. Zu den
wichtigsten Auftraggebern gehören deas Eidgenössische Departement für
auswärtige Angelegenheiten (EDA), der Schweizerische Nationalfonds
sowie internationale Organisationen und Stiftungen.

